Bin ich dir zu nahegetreten? – Proxemik

Hier soll es also um Proxemik (Raumverhalten) gehen. Diese Seite soll dir ein wenig theoretisches Hintergrundwissen verschaffen, damit du Schlussfolgerungen für dein eigenes und das Verhalten deiner neuen Umwelt ziehen kannst. Denke immer daran: Kultur beginnt schon bei den kleinsten Dingen…

Nemandi zum Beispiel hat festgestellt, dass in der Mensa oder in der SLUB die Leute immer einen gewissen Abstand zueinander einhalten. Diejenigen, die sich schon länger zu kennen scheinen, setzen sich gegenüber, um sich zu unterhalten. Als sie allein an ihrem Tisch isst, und sich jemand anderes zu ihr setzt, setzt er sich auch nicht direkt neben sie oder ihr gegenüber, sondern ein Stückchen weiter weg. Nemandi findet das seltsam… Wollen die anderen nichts mit ihr zu tun haben?

Vielleicht setzen sich die einheimischen Kommilitonen anders an die Mensatische, um sich zu unterhalten? Welchen Abstand halten sie zueinander ein? Wie begrüßen sie einander? Und vor allem: Was machen sie dabei anders als du?

Proxemik beschäftigt sich allgemein mit dem Raumverhalten von Lebewesen in ihren jeweiligen Lebensräumen. Das bedeutet, dass untersucht wird, wie viel Platz von Individuen oder Gruppen temporär oder permanent eingenommen wird. Natürlich spielen da auch die Gründe für dieses Verhalten eine Rolle. Es existieren hier laut Edward T. Hall (1966) drei Arten von proxemischen Verhalten (Näheverhalten): intrakulturell, präkulturell und mikrokulturell (Watson 1970, 37f.) . Das intrakulturelle Verhalten beschreibt Näheverhalten basierend auf unserer biologischen Vergangenheit (S. 34), das präkulturelle bezieht sich auf körperliche Faktoren (Geruchssinn, Tastsinn, Sehsinn etc., S. 36) und das mikrokulturelle meint das Raumverhalten in Bezug auf kulturelle Faktoren (S. 39).

Die letzten beiden sind für dich besonders von Interesse. Beginnen wir beim präkulturellen Raumverhalten. Der Mensch hat alle seine Sinne, um seine Umwelt einzuschätzen, und du wirst sicherlich schon viel Neues um dich herum bemerkt haben.

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Die folgenden Fragen sollen dich zum Nachdenken bewegen:

  • Welche Dinge, Geschmäcker, Ansichten, Geräusche oder Gerüche sind anders als in deiner Heimat? Warum denkst du, sind sie dir aufgefallen?
  • Denke daran, wie du zu Hause deine Freunde oder Bekannten begrüßt. Sind dir bei der Begrüßung, die du hier erfahren hast, Unterschiede zu deiner Heimat aufgefallen?

An dieser Stelle möchte ich dir ein Beispiel geben, welches mir passiert ist: Ich lernte eine Frau in Portugal kennen, und sie begrüßte mich bei der ersten Begegnung mit zwei Wangenküssen und Händeschütteln. Für mich war das neu, da sich in Deutschland eigentlich nur mit Umarmung oder Wangenkuss begrüßt wird, wenn man sich besser kennt. Dementsprechend war ich zögerlich, da ich ja auch nicht unhöflich wirken wollte. Mittlerweile ist es normal für mich, aber ich erinnere mich an meine leichte Verwunderung vom Anfang. Solche Unterschiede werden dich ab jetzt begleiten und sicher wirst du dich genauso schnell daran gewöhnen!

Das mikrokulturelle Verhalten beginnt schon bei der Sprache selbst. Manche Sprachen haben detaillierte Beschreibungen und Wörter für Abstände und Räume, andere wieder sehen das entspannter.  Weiter geht es mit dem Aufbau der Städte – netzförmig (eher in der westlichen Welt verbreitet) oder kreisförmig, oder sogar sternförmig um ein Zentrum herum (S. 40). Selbst die Bezeichnungen der Straßen oder die Art der Nummerierung können kulturell variieren (S.40f.)!
SightseerNemandi findet, dass Dresden eine schöne Stadt ist… Aber sie hat noch Schwierigkeiten, sich dort zurechtzufinden. Gerade wenn sie in der Neustadt ist, muss sie sich immer genau merken, wo sie entlang gegangen ist, um den Weg zu ihrer Haltestelle wiederzufinden. Wenn sie sich den Linienplan anschaut, muss sie suchen, bis sie die gefunden hat, zu der sie möchte. Sehr kompliziert, findet sie. Zum Glück gibt es aber die Möglichkeit, sich unter m.dvb.de eine Verbindung anzeigen zu lassen! So findet Nemandi immer nach Hause, wenn sie überhaupt nicht weiß, wo sie hin muss.

  • Findest du dich in Dresden gut zurecht? Welche Unterschiede fallen dir in Bezug zu deiner Heimatstadt auf?
  • Watson beschreibt folgende Geschichte (vgl. S. 41): In China wurde ein Krankenhaus nach westlichem Vorbild gebaut (4 Stockwerke). Die chinesischen Patienten zögerten jedoch, hineinzugehen und fühlten sich auch nicht wirklich wohl darin. Als später die Chinesen selbst das Krankenhaus umbauten, war es nicht ein Gebäude sondern mehrere verschiedene Hütten, welche konzentrisch angeordnet waren. Dies entsprach nun eher den Vorstellungen der Chinesen.

Gibt es ein solches Beispiel in deiner neuen Umgebung? Sehen öffentliche Gebäude in deiner Heimat anders aus?

Im Folgenden soll es nun mit dem interpersonellen Raumverhalten weitergehen. Zur Einstimmung kannst du dir unter anderem folgende Fragen stellen:

  • Wie empfindest du den Abstand, den die Deutschen zu dir halten, wenn sie dich begrüßen, sich mit dir an einen Tisch setzen, neben dir in der Bahn stehen etc.?
  • Wenn du dich mit einem Freund triffst, wie unterhaltet ihr euch dann? Geht ihr nebeneinander her, setzt ihr euch gegenüber oder setzt ihr euch besonders eng zusammen? (siehe Watson 1970, 46)
  • Fallen dir Situationen ein, in denen du dich unwohl gefühlt hast, wenn es um Abstand zwischen dir und anderen geht? Kam dir jemand zu nahe oder hattest du das Gefühl, dass Leute irgendwie einen echt großen Abstand von dir halten? (siehe Watson 1970, 47)

Auch Augenkontakt, Gesprächslautstärke und Berührung spielen eine Rolle bei der Interaktion mit anderen. Amerikaner und Nordeuropäer z.B. werden als „non-contact group“ beschrieben (Watson 1970, 47), das heißt, es finden weniger Berührungen bei der Interaktion statt. Im Gegensatz dazu gibt es die „contact groups“ (Watson 1970, 47), bei denen es viele Berührungen gibt.

  • Zu welcher dieser beiden Gruppen würdest du dich zählen?

In asiatischen Kulturen gilt es unter Umständen als unhöflich, wenn man dem (sozial höherrangigen) Gegenüber direkt in die Augen sieht. In Korea z.B. heißt direkter Augenkontakt Ebenbürtigkeit, und dies kann schnell zu Missverständnissen führen.[1] In westlichen Kulturen ist das Gegenteil der Fall – fehlender Augenkontakt gilt auch in Deutschland oft als Zeichen von Unehrlichkeit oder Unsicherheit.

Teen Talk IIWenn Nemandi sich unterhält, stellt sie oft fest, dass ihre deutschen Mitstudenten, sie dann immer direkt ansehen. Sie fühlt sich dann immer ein wenig unwohl, weil sie denkt, dass sie besonders auf Fehler achten. Sie gibt sich dann besonders viel Mühe mit ihrem Deutsch. Mit Erleichterung stellt sie danach fest, dass ihre Mitstudenten das aber deswegen tun, weil sie interessiert an ihr sind. Sie merkt das daran, dass die Kommilitonen ihr gut folgen und während des Gesprächs auf sie eingehen und nicht abwesend wirken.

  • Deutsche halten während eines Gesprächs meist Blickkontakt. Wie empfindest du das?

Dies ist nur eine kleine Einleitung in die kulturellen Feinheiten, die du bemerken wirst, je länger du hier lebst. Die Fragen im Text sollen dir helfen, dich damit zu beschäftigen, was anders geworden ist und Anstoß geben darüber nachzudenken, wieso es anders ist. Eins ist wichtig: Niemand behandelt dich absichtlich unhöflich! Wenn du das Gefühl hast, dass du dich mit etwas unverstanden fühlst, dann kommuniziere es. Vielleicht kommt ja so ein interessantes Gespräch zustande, aus dem beide Seiten lernen können.

Quellen:

Watson, Michael O. (1970) Proxemic Behaviour: A cross-cultural study. Paris, The Hague: Mouton.pp. 33-43.

Vermeide direkten Augenkontakt. Aufgerufen am 30. August 2013, Unter http://www.fastenseatbelts.eu/de/countries/7/11/

Bilder:

Kohlmann, Sascha. „Sightseer“. Aufgerufen unter http://www.flickr.com/photos/skohlmann/9613648765/

martin. „Teen Talk II“. Aufgerufen unter http://www.flickr.com/photos/x1klima/8950400313/

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