Mut zur Lücke! – Lakunen in Kultur und Sprache

In diesem Kapitel geht es um interkulturelle Missverständnisse, sogenannte Lakunen. Diese erschweren die Kommunikation, da sie in der jeweiligen Kultur begründet sind. Das heißt, dass du etwas, was dein Gegenüber sagt, schreibt oder tut, nicht verstehst, weil du es aus deiner Kultur nicht kennst. Man könnte sie auch kulturelle Wissenslücken nennen! Lakunen können also  folgender Art sein (vgl. Ertelt-Vieth 1990, 114):

  • linguistische Lakunen (z.B. schwer zu Übersetzendes in der Grammatik, Syntax etc.)
  • Textlakunen (ein Text ist allgemein schwer zu verstehen / zu übersetzen)
  • kulturelle Lakunen  (Etikette, Verhalten, Kommunikation)

Die ersten beiden werden für dich sicherlich auch interessant, wenn du Texte für deine Seminare lesen musst. Kulturelle Lakunen spielen bei der zwischenmenschlichen Kommunikation eine Rolle und deshalb werden sie hier auch näher erklärt.

Es gibt eine Menge kultureller Lakunen (vgl. Ertelt-Vieth 1990, 117f). Sie beeinflussen die Wahrnehmung von Angehörigen einer fremden Kultur (Charakterlakunen, Stereotype), Emotionen und deren Äußerung (Kulturemotive Lakunen), Verhalten bei gesellschaftlichen Ritualen (Etikette-Lakunen), Routinen (Routine- und Gewohnheitslakunen) und Näheverhalten (Kinetik-Lakunen, ähnlich Proxemik).

Zu unterscheiden sind diese von den kulturraumbezogenen Lakunen (vgl. Ertelt-Vieth 1990, 119f.), zu denen die Raum- und Distanzwahrnehmung (Perzeptive Lakunen) und gesellschaftsspezifische Dinge (ethnografische Lakunen) gehören.

Da dies alles ein wenig kompliziert klingt, wird dir eine Geschichte von Nemandi helfen, zu verstehen, wie eine Begegnung mit diesen Lakunen aussehen kann.

Nemandi hat bereits vor ihrer Ankunft einiges über Deutsche gehört. Sie sollen stets pünktlich und arbeitsam sein, jedoch eher wenig kontaktfreudig. Die Situationen, die Nemandi durchlebt (z.B. als sie allein in der Mensa sitzt) zeigen ihr, dass manche von diesen Stereotypen vielleicht sogar gestimmt haben…?

Sie hat jedoch gemerkt, dass es ganz besonders darauf ankommt, wo man sich mit deutschen Kommilitonen anfreunden möchte. Kommt man im Studentenklub und der Bierstube zum Beispiel mit ihnen ins Gespräch, sind sie gar nicht so zurückhaltend, wie Nemandi gehört hat, ganz im Gegenteil! Wenn Nemandi ihre neuen Freunde jetzt trifft, begrüßt sie sie sogar mit einer Umarmung. Wenn Nemandi von ihrer Heimat erzählt, dann hören sie interessiert zu.

Happy BirthdayEiner ihrer Freunde, Sebastian, hat Nemandi auf seine Geburtstagsfeier eingeladen, die er bei sich zuhause feiert. Nemandi freut sich natürlich über die Einladung! Nachdem sie zugesagt hat, denkt sie besorgt darüber nach, wie sie man sich dort verhält. Muss man außer einem Geschenk noch etwas mitbringen, wie z.B. Essen oder Trinken? Nemandi fragt nach und in der Tat wird darum gebeten, dass jeder der Gäste etwas zum Essen beisteuert. Kein Problem, denkt sie sich, dann mache ich vielleicht einfach etwas aus meiner Heimat!

Bevor sie sich auf den Weg zur Feier macht, sieht sie sich noch einmal die Strecke zur Wohnung an, in der die Party steigen soll. Sebastian hatte ja gesagt, dass es „überhaupt nicht weit, gleich um die Ecke!“ vom Campus sei. Nemandi stellt jedoch fest, dass sie doch lieber mit dem Bus hinfahren sollte, statt zu laufen… Sie wundert sich, wie man bei einer solchen Strecke sagen kann, dass es nicht weit ist. Bei ihr bedeutet „um die Ecke“, dass es maximal 10 Minuten Fußweg sind! Halb so wild, denkt sie, und geht einfach ein bisschen eher los, um den Bus noch rechtzeitig zu schaffen.

Als sie ankommt, ist die Party schon in vollem Gange….

Wochenende in Dresden - Sonnabend, WG-Party 40Sie begrüßt natürlich zuerst Sebastian, das Geburtstagskind, und gibt ihm ihr Geschenk. Die ganze Wohnung ist voller Leute, man versteht kaum, wie er sich bei ihr bedankt! Nemandi fühlt sich ein wenig eingeengt, und sucht sich deshalb erstmal einen Sitzplatz in Sebastians Zimmer, wo sich eine Gruppe von Gästen auch niedergelassen hat. Als sie es sich auf einem Sitzsack bequem gemacht hat, kommt Tom, einer der anderen Gäste, auf sie zu und fragt: „Hey, ich bin Tom. Möchtest du auch Bowle? Ich gehe mir welche holen!“ Nemandi weiß zunächst nicht, was Bowle genau ist, willigt aber ein. Ihr mitgebrachtes Essen hat Sebastian in die Küche zu den anderen Gerichten gestellt. Da Nemandi auch hungrig ist, macht sie sich auf den Weg in die Küche, wo ihr Tom einen Becher Bowle füllt. Sie nimmt sich auch etwas von dem Essen der anderen, schließlich ist es ja für alle gedacht. Beim Essen fragt sie Tom: „Sag mal, was ist eigentlich in dieser Bowle?“  „Och“, sagt Tom, „ein bisschen was von allem: Früchte, Wein und Mineralwasser.“„Schmeckt gut!“, findet Nemandi.
Auch dass sich mittlerweile alle in Sebastians Zimmer gesammelt und Musik angemacht haben, fällt ihr auf. Im Laufe des Abends unterhält sie sich mit vielen Leuten und tauscht sich mit ihnen über so ziemlich alles aus. Als Nemandi nach Hause geht, ist es schon spät und sie freut sich, dass sie eingeladen wurde. Sie denkt lächelnd an ihre Verabschiedung von Sebastian – „Tschüss, war toll bei dir! Bis bald!“

Quelle: Ertelt-Vieth, Astrid (1990). Kulturvergleichende Analyse von Verhalten, Sprache und Bedeutungen im Moskauer Alltag. Frankfurt am Main, Bern, NY, Paris: Peter Lang. S. 112-120.

Bilder:

Diwald, Gabriele. „Happy Birthday“ Aufgerufen unter http://www.flickr.com/photos/52214493@N03/8387713552/

Tim. „Wochenende in Dresden – Sonnabend, WG-Party 40“ Aufgerufen unter http://www.flickr.com/photos/_timl/3980286823/

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